Es gibt diesen einen Moment bei jedem Radabenteuer, in dem plötzlich alles stimmt: Die Straße fällt sanft ab, der Wind schiebt von hinten, vor euch öffnet sich ein Tal, eine Bucht oder eine endlose Küstenlinie. Ihr merkt, wie ihr ganz von allein anfangt, zu grinsen. Erlebt mit uns zusammen die zehn schönsten Radwege der Welt.
Überblick
Reisen mit dem Fahrrad hat sein ganz eigenes Tempo. Schnell genug, um jeden Tag eine neue Landschaft zu erleben. Langsam genug, um sie wirklich zu spüren. Ihr riecht die warmen Pinien am Mittelmeer, das Salz über der irischen Brandung, den Regen, bevor er fällt. Ihr hört das leise Surren der Kette, das Läuten einer Dorfkirche, das Rauschen eines Gletscherbachs. Kein Autofenster steht zwischen euch und der Welt, und genau das macht die Schönheit aus.
Dazu kommt etwas, das sich schwer beschreiben lässt: dieses stille Selbstvertrauen, wenn ihr aus eigener Kraft irgendwo ankommt. Der Kaffee nach dem Pass schmeckt besser. Das Abendessen nach 80 Kilometern fühlt sich verdient an. Und die Menschen unterwegs begegnen euch offener, weil ihr langsam da seid und nicht nur vorbeirauscht. Das Schönste daran: Radreisen kennen keine Altersgrenze und keinen einheitlichen Schwierigkeitsgrad. Dank moderner E-Bikes sind selbst Alpenpässe heute für viele machbar, und flache Flussrouten laden ganze Familien ein.
1. Route des Grandes Alpes
Wenn es einen schönsten Radweg der Welt für Bergverliebte gibt, dann diesen. Auf rund 720 Kilometern führt euch die Route des Grandes Alpes vom Genfer See in Thonon-les-Bains bis ans Mittelmeer nach Menton, über 16 Pässe und etwa 17.000 Höhenmeter. Frankreich zeigt hier seine große Bühne: Ihr startet zwischen Almwiesen und endet zwischen Palmen und Zitronenbäumen.

Diese Höhepunkte solltet ihr euch nicht entgehen lassen: den Cormet de Roselend mit seinem türkisfarbenen Stausee, den Col de l’Iseran auf 2.764 Metern als höchsten Alpenpass in Frankreich, den legendären Col du Galibier, die Mondlandschaft der Casse Déserte am Col d’Izoard und schließlich die einsame Cime de la Bonette. Zum Abschluss taucht ihr durch die roten Schluchten des Gorges de Daluis hinab an die Côte d’Azur.
Ihr habt keine zwei Wochen Zeit? Kein Problem. Denn die Strecke lässt sich wunderbar teilen. Die Nordetappe von Thonon nach Briançon dauert etwa fünf bis sechs Tage und sammelt die klassischen Tour-de-France-Pässe ein. Die Südetappe von Briançon nach Menton ist mit vier bis fünf Tagen kürzer, sonniger und landschaftlich rauer. Wer nur ein langes Wochenende hat, nimmt den Zug nach Bourg-Saint-Maurice oder Modane und fährt einzelne Pässe als Tagesrunden. Mit einem E-Bike öffnet sich diese Radtour auch für alle.
2. Wild Atlantic Way
Irlands Atlantikküste ist ein Geheimtipp für alle, die Radwege in Europa mit Drama suchen. Rund 2.500 Kilometer zieht sich der Wild Atlantic Way von Kinsale im Süden bis nach Donegal im Norden. Fahrt ihn unbedingt von Süden nach Norden, dann habt ihr den vorherrschenden Südwestwind im Rücken und das Meer immer auf eurer linken Seite.

Zu sehen gibt es in Irland mehr, als eine Reise fassen kann: die Halbinsel Dingle mit dem Slea Head Drive, den Ring of Kerry und den stilleren Skellig Ring, die Cliffs of Moher, die karge Mondlandschaft des Burren, die Steinmauern von Connemara, Achill Island mit dem Keem Bay und ganz im Norden die gewaltigen Klippen von Slieve League. Zwischendurch belohnen euch autofreie Strecken wie der Great Western Greenway oder der Waterford Greenway mit zahlreichen entspannten Kilometern.
3. Highway 1
Kalifornien im Sattel ist pures Kino. Der Highway 1 zwischen San Francisco und Santa Barbara gehört zu den schönsten Radtouren weltweit, weil hier auf wenigen hundert Kilometern Steilküste, Redwood-Wälder, Surferstädte und Seelöwenstrände aufeinandertreffen. Fahrt von Nord nach Süd: Der Wind kommt fast immer aus Nordwest und ihr rollt auf der Meerseite der Straße mit freiem Blick auf den Pazifik.
Unterwegs solltet ihr euch Zeit nehmen für die Golden Gate Bridge zum Auftakt, die Küstenfarmen bei Half Moon Bay, das quirlige Santa Cruz und die Bucht von Monterey. Das Herzstück ist Big Sur mit der fotogenen Bixby Creek Bridge und den McWay Falls, die direkt in eine türkisfarbene Bucht stürzen. Weiter südlich warten das Hearst Castle bei San Simeon, die Seeelefantenkolonie von Piedras Blancas und der markante Morro Rock.

Bekannt ist Kalifornien vor allem für seine Tierwelt und das Essen. Von den Klippen aus seht ihr Seeotter in den Kelpwäldern. Im Frühjahr ziehen Grauwale vorbei. Dazu kommen Clam Chowder in Monterey, Artischocken aus Castroville und die Weine aus Paso Robles und dem Santa-Ynez-Valley. Ein Tipp für die Strecke: Die Hiker-Biker-Stellplätze in den State Parks kosten wenige Dollar und sind für Radfahrer nie ausgebucht. Informiert euch vorher über mögliche Sperrungen durch gelegentliche Erdrutsche.
4. Nasjonal turistveg Lofoten
Diese Strecke ist vergleichsweise kurz und trotzdem unvergesslich. Rund 230 Kilometer führt die norwegische Landschaftsroute über die Lofoten, vom Fischerdorf Å im Südwesten bis nach Fiskebøl im Norden. Granitzacken fallen senkrecht ins Meer, dazwischen liegen weiße Strände, die aussehen wie in der Karibik und sich anfühlen wie die Arktis. Zwischen Ende Mai und Mitte Juli geht die Sonne nicht unter.

Die bekannten Höhepunkte in Norwegen: Reine und Hamnøy mit ihren roten Rorbuer, das Wikingermuseum Lofotr in Borg, der Traumstrand Haukland und das Künstlerdorf Henningsvær mit seinem berühmten Fußballplatz zwischen den Felsen. Abseits der Fotostopps wird es besonders schön. Fahrt hinüber ins denkmalgeschützte Nusfjord, einen der ältesten Fischerorte des Landes. Legt einen Stopp in Unstad ein, wo Surfer in eiskalten Wellen paddeln und ein winziges Café den besten Kaffee der Inseln macht. In Eggum endet die Straße an einer Steinküste mit Skulptur und Blick aufs offene Meer. Und wer den kurzen Wanderabstecher zum Kvalvika-Strand einplant, hat eine Bucht fast für sich allein.
5. Great Ocean Road
Australiens berühmteste Küstenstraße ist ein Denkmal auf Rädern. Zwischen 1919 und 1932 bauten heimgekehrte Soldaten des Ersten Weltkriegs die 243 Kilometer von Torquay nach Allansford in Handarbeit, zum Gedenken an ihre gefallenen Kameraden. Damit ist die Great Ocean Road das größte Kriegerdenkmal der Welt und gleichzeitig eine der schönsten Radtouren überhaupt.
Was diese Strecke so besonders macht, ist ihr ständiger Wechsel. Im ersten Abschnitt klebt die Straße in Australien direkt an der Brandung, vorbei am Surfmekka Bells Beach und dem rot-weißen Leuchtturm von Aireys Inlet. Dann taucht ihr hinter Apollo Bay in den kühlen Regenwald der Otway Ranges ein, wo Baumfarne über den Weg wachsen. Und zum Schluss öffnet sich die Shipwreck Coast mit den Zwölf Aposteln, der Loch Ard Gorge und den Gibson Steps, wo goldene Kalkfelsen aus dem tosenden Südpolarmeer ragen.

6. Icefields Parkway
Kaum eine Straße der Welt ist so spektakulär wie diese: 232 Kilometer zwischen Lake Louise und Jasper, mitten durch die kanadischen Rocky Mountains. Berühmt ist der Icefields Parkway für die über hundert Gletscher, die ihr von der Straße aus seht, allen voran das gewaltige Columbia Icefield mit der Zunge des Athabasca-Gletschers, die fast bis an den Asphalt reicht.
Warum diese Radreise in Kanada zu den bekanntesten der Welt zählt, versteht ihr nach dem ersten Tag. Die Route folgt einem breiten Gletschertal, links und rechts stehen dreitausend Meter hohe Wände, und in den Talböden leuchten Seen in einem Türkis, das kaum echt wirkt. Der Peyto Lake in Form eines Wolfskopfes, der Bow Lake vor seinem Gletscher, die Weeping Wall mit ihren Wasserfällen, der Aussichtsgrat der Parker Ridge und die donnernden Athabasca Falls reihen sich aneinander wie Perlen an einer Kette.

Nur zwei nennenswerte Anstiege liegen auf der Strecke, wenn ihr von Süden nach Norden fahrt. Drei bis vier Tage genügen. Unterwegs übernachtet ihr in einfachen Hotels, denn Dörfer gibt es keine. Nehmt Verpflegung mit, kauft den Nationalpark-Pass und rechnet mit Begegnungen: Elche, Dickhornschafe und Bären gehören hier zum Alltag. Beste Zeit ist Ende Juni bis September.
7. Donauradweg Passau–Wien
Kein Fernradweg Europas wird häufiger gefahren, und das aus gutem Grund. Die rund 330 Kilometer von Passau nach Wien sind fast durchgehend flach, hervorragend beschildert und größtenteils autofrei. Damit ist der Donauradweg perfekt für Familien, Einsteiger und alle, die mit dem E-Bike gemütlich unterwegs sein wollen. Sechs bis acht Tage mit etwa 50 Kilometern täglich reichen völlig.

Das Besondere ist die Dichte an Kultur und Landschaft auf so kurzer Strecke. In Passau startet ihr am Dreiflüsseeck, wo Donau, Inn und Ilz zusammenfließen. Kurz darauf legt sich der Fluss in der Schlögener Schlinge in eine spektakuläre Doppelschleife. Nach Linz mit seinem Ars Electronica Center folgen die Burgen des Strudengaus, bevor sich der schönste Abschnitt öffnet: die Wachau, seit 2000 UNESCO‑Welterbe. Hier fahrt ihr zwischen Weinterrassen und Marillengärten, vorbei am barocken Stift Melk, an der Ruine von Dürnstein, wo Richard Löwenherz gefangen saß, und durch bezaubernde Weinorte.
Unterwegs setzen euch kleine Rollfähren ans andere Ufer, in den Heurigen gibt es Grünen Veltliner und Marillenknödel. Zum Finale rollt ihr über die Donauinsel direkt ins Herz von Wien. Zurück geht es bequem mit dem Zug. Wer diese Radtour einmal gefahren ist, versteht, warum sie auf keiner Bestenliste fehlt.
8. Shimanami Kaido
Japans schönster Radweg misst nur 70 Kilometer und gilt trotzdem als einer der besten der Welt. Der Shimanami Kaido verbindet Onomichi auf Honshu über sechs Inseln und sieben Brücken mit Imabari auf Shikoku, immer über die stille Inlandsee Seto mit ihren unzähligen grünen Kuppen im Dunst. Eine blaue Linie auf dem Asphalt führt euch, die Brücken haben eigene Radspuren, und die Auffahrten steigen so sanft an, dass jeder sie schafft.
An Sehenswürdigkeiten mangelt es in Japan nicht. In Onomichi lohnt der Tempelpfad hinauf zum Senkoji mit Blick über den Hafen. Auf Innoshima erzählt eine Burg die Geschichte der Murakami-Piraten, die diese Meerenge jahrhundertelang beherrschten und heute zum japanischen Kulturerbe zählen. In Ikuchijima erwarten euch der überbordende Kosanji-Tempel und der weiße Marmorgarten Hill of Hope, dazu die berühmten Zitronen von Setoda. Auf Ōmishima steht der Oyamazumi-Schrein mit der größten Sammlung historischer Samurai-Rüstungen des Landes. Zum Schluss überquert ihr die vier Kilometer lange Kurushima-Kaikyō-Brücke, die erste dreifache Hängebrücke der Welt.

9. Otago Central Rail Trail
Neuseelands erster großer Rail Trail ist der Beweis, dass eine Route nicht steil sein muss, um überwältigend zu sein. Auf 152 Kilometern zwischen Clyde und Middlemarch folgt ihr einer 1990 stillgelegten Bahnstrecke durch das weite Hochland von Central Otago. Weil Züge keine Steigungen mögen, klettert der Weg nie mehr als ein Prozent. Der Untergrund ist feiner Schotter, ein Trekkingrad ist ideal.

Am besten erlebt ihr diese Radreise in drei bis vier Tagen, mit Gepäcktransfer zwischen den Etappen und Übernachtungen in alten Goldgräberorten. So habt ihr Zeit für das, was den Reiz ausmacht: Ihr rollt über schmale Viadukte, durch handgeschlagene Tunnel, vorbei an bizarren Felstürmen aus Schiefer und unter einem Himmel, der bis zum Horizont reicht. Die Stille ist beinahe absolut.
Wer mehr will, hängt den Lake-Dunstan-Trail oder den Clutha-Gold-Trail an und probiert dabei die Pinot Noirs aus Bannockburn und das Steinobst aus Cromwell. Schöner lässt sich das zauberhafte Neuseeland kaum erfahren.
10. Radroute Nr. 1
Zum Abschluss geht es nach Taiwan, auf eine der spannendsten Radrouten der Welt. Die Cycling Route No. 1 umrundet die ganze Insel auf rund 960 Kilometern. Stellt es euch so vor: Am Morgen fahrt ihr an einer Küste entlang, wo dreitausend Meter hohe Berge fast senkrecht in den Pazifik stürzen, die Qingshui-Klippen im Dunst. Mittags biegt ihr ins East Rift Valley ab, zwischen leuchtend grünen Reisterrassen und Betelnusspalmen, und ein Bauer winkt euch von seinem Feld zu.

Die Ostküste ist landschaftlich der Höhepunkt, der Abstecher in die Taroko-Schlucht ein Muss. Der Westen ist flacher und urbaner, dafür rollt ihr auf hervorragenden Flussradwegen mitten nach Taipeh hinein. Viele starten dort und fahren im Uhrzeigersinn die Ostküste hinunter, im Winter mit dem Nordostmonsun im Rücken.
Leihräder mit Einwegmiete bekommt ihr landesweit, Züge nehmen Fahrräder mit, und die Gastfreundschaft ist legendär. Plant zwei Wochen ein, meidet die Taifunmonate im Sommer und reist am besten zwischen Oktober und April. Kaum eine andere Radtour bringt euch so nah an Kultur, Küste und Berge zugleich.









